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zur aktuellen Situation

Es ist schon eine ziemliche Leistung, dass ausgerechnet der deutsche Profifußball weltweit als Erstes wieder an den Start geht. Wenn die Verantwortlichen des Fußballs neuerdings von Demut sprechen, sollten wir einmal Anerkennung gegenüber Masterplänen und Hygienekonzepten zeigen. Auch wenn der Live-Stream eines einzelnen Spielers fast den kompletten Plan zertrümmert. Aber eben nur fast.

An vielen anderen Stellen wurden bereits Stellungnahmen mit kritischen Anmerkungen geschrieben. Wir müssen hier nicht jeden einzelnen Punkt und nicht jedes einzelne Argument wiederholen. Fest steht, die Wiederaufnahme der Saison ist eine Wette auf die Zukunft. Sollte die Wette nicht aufgehen, stellt sich natürlich die Frage nach der Verantwortung. Oder eben nach der Demut. Dummerweise hilft Demut den Vereinen, insbesondere denjenigen, die sich im Auf- oder Abstiegskampf befinden nicht weiter. Und Demut hilft auch nicht denjenigen Vereinen weiter, die auf Zuschauereinnahmen angewiesen sind. Es sind auch noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt, wonach sich eine Pandemie durch Demut eingrenzen lässt. Dabei gibt es mit der Springer-Bande einen eigenen und exklusiven Kanal, um die eigene Demut zur Schau zu stellen. Allerdings fragen wir uns, ob sich die Verantwortlichen der Profivereine nicht verarscht fühlen, wenn immer die gleichen zwei Top-Vertreter plus DFL-Spitze die Lehre von der Demut öffentlichkeitswirksam verkünden.

Zwei Aspekte werden in der aktuellen Diskussion über den Profifußball systematisch verwechselt: Die gegenwärtige Situation, die zu einem unvergleichbaren Einschnitt in das öffentliche und private Leben führt, ist nicht per se die Krise des Fußballs. Der Fußball hat kein Problem damit zu ruhen. In ein paar Tagen, Wochen oder Monaten, werden sich überall auf der Welt wieder Kids auf der Straße zusammenfinden, um gegen Bälle und Dosen zu treten. Auch auf den Rasen- und Ascheplätzen werden erneut Spiele angepfiffen. Und das einmalige Talent der Profifußballer ist nicht verloren.

Dagegen haben sich die Profivereine in eine Abhängigkeit der TV-Einnahmen manövriert. Aber das ist nicht unsere Krise. Das ist die Krise der Ware Profifußball, die Krise der fehlenden Werbeeinahmen und die der Investoren, der Manager und Spielerberater. Dabei hat die Entwicklung zur Entfremdung zwischen den vorrangigen wirtschaftlichen Erlösen und den eigentlichen sportlichen Leistungen geführt. Klar, kein wirtschaftlicher Erfolg ohne ein Mindestmaß an sportlichem Erfolg. Aber wie wir nun alle sehen können, geht es nicht darum, den sportlichen Wettbewerb zu gewährleisten. Ansonsten hätte die Liga den Abbruch beschlossen, denn die Bedingungen sind aufgrund unterschiedlicher Trainingsmöglichkeiten oder der Quarantäne einzelner Mannschaften komplett verzerrt.

Eigentlich wissen die Spieler auf dem Platz nicht mehr, warum sie überhaupt antreten. Im schlimmsten Fall könnte eine Corona-Infektion, die insbesondere auf die Lunge schlägt, zum Karriereende führen. Mit der Wiederaufnahme der Saison geht es nicht darum, dass die beste Taktik, Aufstellung oder Individualleistung gewinnt, sondern um Aufmerksamkeit, damit TV-Einnahmen sprudeln. Es geht um Wettportale und Investitionen, die sich halt auszahlen müssen. Das ist nicht die erste Krise, die Fortuna Düsseldorf in der 125-jährigen Geschichte übersteht. Und in einer Zeit, in der Millionen durch den Fußball umgesetzt werden, wird uns plötzlich erzählt, dass eine ausbleibende Tranche der TV-gelder zum unumstößlichen Untergang führt? Wenn behauptet wird, dass Geisterspiele die bitteren Pillen sind, die es zu schlucken gilt, falls wir überhaupt noch unsere Vereine spielen sehen möchten, dann ist das eine Lüge. Die Pille müssen nämlich diejenigen schlucken, die Millionen mit dem bisherigen System verdient haben.

Was den Fußball ausmacht sind die unterschiedlichen Geschichten, die wir mit unserem Verein seit 125 Jahren verbinden. Erst vor wenigen Tagen haben wir voller Stolz darauf zurückgeblickt: Meisterschaft, Pokalsiege und Basel 1979. Auch wenn viele von uns zu jung sind, um die größten Erfolge der Vereinsgeschichte miterlebt zu haben, können wir doch daran teilhaben. Wenn wir uns an die Bilder und unterschiedlichen Geschichten zurückerinnern, ist es, als hätten wir selbst in der Kurve gestanden. Es ist die kollektive Erinnerung, der Mythos Fortuna, der alle Fans vereint. Wenn wir den modernen Fußball kritisieren, dann kritisieren wir den Umstand, dass das glattgebügelte Event Stück für Stück neue Erinnerungen verhindert. Und uns im Gegenzug Investoren, Montagsspiele und Dauerwerbung auf dem Silbertablett präsentiert. Fußball ohne Fans ist der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung.

Welche Konsequenz ziehen wir nun? Es ist schließlich nicht die erste Stellungnahme, bei der wir uns die Finger auf der Tastatur wund tippen. Die Verantwortlichen des Profifußballs sind gefangen in der Marktlogik. Wir nicht. Die Demut, die nun die Runde macht, wird an den Verhältnissen im Profifußball nichts ändern. Und wenn die Wette von DFL und Co. aufgeht, ist die Demut auch schnell wieder verflogen.

Doch mit der Wiederaufnahme des Spieltags ist die Saison für uns als Ultras Düsseldorf beendet. Auch wenn uns bewusst ist, dass die Konsequenz aus dieser Entscheidung härter ist, als es sich hier liest: Für uns hat die Saison unter den momentanen Umständen keinen Wert.

Leider ist es notwendig darauf hinzuweisen, dass wir weder öffentliche noch interne Treffen für die Spiele veranstalten, keine Pappkameraden im Stadion aufstellen oder andere Aktionen organisieren, die den Geisterspielen einen Anstrich des fußballerischen Normalzustands verleihen. Sicherlich wäre es ein leichtes, den Protest vor oder in das Stadion zu bringen. Doch als Ultras tragen wir nicht nur Verantwortung, sondern auch gesamtgesellschaftliche Solidarität mit. Solidarität, die wir ernstnehmen und die uns wichtig ist. Insbesondere gegenüber denjenigen, die davon abhängig sind, dass sich das Corona-Virus nicht noch stärker verbreitet, weil sie besonders gefährdet sind. Deshalb fordern wir euch dazu auf, nicht vor das Stadion zu kommen oder zu öffentlichen Treffpunkten aufzurufen. Ob ihr die gleiche Konsequenz aus der Situation zieht, bleibt euch natürlich offen. Durch den Abbruch der Saison hätten wir allerdings Zeit. Zeit, die wir in Überlegungen stecken können, wie wir reagieren, wenn die Stadiontore wieder für alle Menschen geöffnet sind.